Konzept

Konzeptionelle Klammer
und Ziel von »school is open«

Das BildungsRaumProjekt »school is open« wurde im Sommersemester 2008 von der StudentInnenschaft der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität Köln (StAVV) initiiert. Anstoß gaben unter anderem die Wünsche nach anderen Lehr- und Lernformen und nach der Umsetzung von Selbstverwaltungsideen im Studium und in pädagogischen Berufen, z. B. durch eine Schulgründung.

»school is open« erarbeitet eigene Inhalte und gestaltet Interventionen in den Lehr- und Lernraum der Fakultät. Dazu gehören eigene studienrelevante Lehrangebote, die Auseinandersetzung mit den materiellen und immateriellen Lehrräumen und der kritische Blick auf die Rolle der Fakultätsarchitektur und das räumliche Lernumfeld.

Inhaltliche Achsen von »school is open« sind die Auseinandersetzung mit Lerntheorie und Lernkulturen, Schulkritik, Architektur, Erinnerungskultur, Bildungsökonomie und Ökologie im Kontext der LehrerInnenbildung, die Aspekte der sozialen Gleichheit und der Geschlechtergerechtigkeit, die Öffentlichkeitsarbeit und innovative Präsentation des Projektes.

Das Schulgründungsprojekt von »school is open« zielt u. a. auf die Elemente der Mobilität, des »teaching in public«, des Aufsuchens von außerschulischen Lernorten, der demokratischen und inklusiven Schule und setzt sich mit der Bedeutung der Gestaltung von Orten und Räumen in der »Einen Schule für Alle« auseinander.

Schule und Universität haben den institutionellen Auftrag, gesellschaftlich bedeutsame Bildungsinhalte wie z. B. Fachwissen, Kulturtechniken oder Kompetenz professionell zu vermitteln und emotionale und soziale Intelligenz zu evozieren. An diesen Orten wird für einen bestimmten Zeitraum im Leben von Menschen das Lernen organisiert, überprüft und bewertet.

Die beiden genannten Institutionen scheinen dabei einem ähnlichen, übergreifenden Privatisierungs- und Hierarchisierungskonzept unterworfen zu sein. So ist z. B. das Hochschulstudium durch die Modularisierung und durch stetige Bewertungsverfahren im Zuge der Einführung der Bachelor-/Master-Studiengänge zunehmend ‘verschult’.

Es kann jedoch auch eine entgegen gesetzte Entwicklungstendenz wahrgenommen werden. So ist der selektive Charakter des Schulsystems einer tief greifenden Kritik ausgesetzt, die in ihrem Ausmaß an die Kritik an der so genannten Bildungskatastrophe Anfang der 1960er Jahre erinnert. Einig sind sich wesentliche Teile der politische Öffentlichkeit und ErziehungswissenschaftlerInnen und BildungssoziologInnen darin, dass das Schulsystem gesellschaftliche Ungleichheit reproduziert statt dazu beizutragen, soziale Gleichheit herzustellen. Die deutsche Schulstruktur »privilegiert die oberen Sozialschichten, indem sie sie vor aufstiegsfähigen Mitbewerbern aus den unteren Sozialschichten abschirmt und begünstigt so die Reproduktion von ökonomischem und sozialem Kapital« (Ernst Rösner)

Diverse Schulleistungs-Studien (LAU-Studie, IGLU-Studie, PISA-Studie) haben belegt, dass Kinder von lohnarbeitenden und/oder migrantischen Eltern häufig eine Empfehlung für eine niedriger wertige Schulformempfehlung erhalten als Kinder von Eltern mit höherer Bildung, selbst wenn z. B. die getesteten Lese- und Mathematikkompetenzen gleich sind. Die sozialen Unterschiede werden über die Ausbildung spezifischer Schulmilieus sogar noch verstärkt. Eine Studie der Universität Augsburg von 2007 weist zudem auf einen deutlichen Unterschied zwischen Land- und Stadtkindern hin, gekoppelt an genderspezifische Zuweisungen. So wechseln z. B. im bayerischen Teil von Schwaben auf dem Land nur 22 Prozent der Mädchen von der Grundschule auf das Gymnasium. In bayerischen Städten dagegen gehen 44 Prozent der Mädchen mit vergleichbaren Noten auf die Oberschule. In besonderer Weise sind Kinder und Jugendliche aus Einwandererfamilien von Bildungsbenachteiligung betroffen, worauf seit einiger Zeit verstärkt eine Fachdiskussion reagiert; die etwa 5 Prozent der SchülerInnen mit Behinderung werden vom allgemeinen Schulsystem ausgeschlossen und in Förderschulen abgeschoben. Mit Blick auf die ‘Verlierer’ dieses Schulsystem hat der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Bildung, Vernor Munoz, am 21. März 2007 der Bundesrepublik beträchtliche Defizite bei der Verwirklichung des Menschenrechts auf Bildung vorgeworfen.

An diesen Defiziten (Stadt-Land-Gegensatz, geschlechtsspezifische Benachteiligungen, ethnisierende Zuschreibungen, soziale Deklassierungen) setzt »school is open« mit seinem Ziel der »Eine Schule für alle« an.

Neben den Schulen stehen auch die Hochschulen im Zuge des Bologna-Prozesses zur Diskussion. Die Umstellung auf Bachelor-/Master-Studiengänge und die damit einhergehende Modularisierung und das System der credit points stehen für eine gestraffte Ausbildungsform, bei der den Studierenden kaum mehr Zeit und Raum für experimentelles Lernen und eigene, unkonventionelle Interessen bleibt.

Zudem zeichnet sich ein düsteres Bild für die Geschlechtergerechtigkeit an den Universitäten ab. Der enge Zeitrahmen des BA-/MA-Studiums hängt Kinder erziehende Studierende – also überwiegend Frauen – hoffnungslos ab, auch im Übergang zum Master. Hohe Studiengebühren, fehlende finanzielle Förderung und die Verschulung des Studiums weiten die ohnehin bestehende Ungleichheit zwischen Frauen und Männern aus.

Dieser Kontext bildet den Hintergrund für das von der Studierendenvertretung an der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Uni Köln dauerhaft unterstützte »school is open«BildungsRaumProjekt.

Ziel des Projekts ist es, ausgehend von den Interessen und Bedürfnissen der Studierenden an der Fakultät und der Universität zu Köln Suchprozesse zum Forschen, Lehren und Lernen anzuregen und die damit verbundenen Produktionen in einem »work in progress« zu dokumentieren. Im Mittelpunkt der Suchbewegung steht die Humanwissenschaftliche Fakultät mit ihrer Ausbildung von PädagogInnen, LehrerInnen und PsychologInnen. An dieser Schnittstelle von Universität und Schule entsteht die Frage, auf welche Art und Weise, mit welchen Inhalten, anhand welcher Gegenstände gesellschaftliches Lernen organisiert sein sollte.

Mit dem »school is open«Projekt soll die Institution Universität genutzt werden, um Praxisformen zu erproben – demnächst u. a. im Rahmen eines durch das neue Lehrerausbildungsgesetz geforderten Praxissemesters – und Denkprozesse über Fragen anzuregen wie z. B.: Was bedeutet Bildung im 21. Jahrhundert? Welche Rolle spielen ökologische und umwelterzieherische Inhalte? Wie kann soziale Ungleichheit als Haupthindernis für eine Schule für Alle durch pädagogische Interventionen umgekehrt werden? Wer sind die Träger neuen gesellschaftlichen Lernens und was sind ihre Inhalte? Ist der Bildungsbegriff überhaupt noch zeitgemäß? Und wie könnten Bildungsräume, Wissenskulturen und Lernprozesse gestaltet sein?

»school is open« hat insofern mit zum Ziel, eine kritische Betrachtung des Studienalltags und seiner institutionellen Rahmenbedingungen an der Universität Köln zu etablieren, und zwar aus der Perspektive der Studierenden.

An der Humanwissenschaftlichen Fakultät werden LehrerInnen für die unterschiedlichen Schulformen und PädagogInnen für den außerschulischen Bereich ausgebildet. Die aktuellen staatlichen Vorgaben tragen ambivalente Impulse in die institutionelle Entwicklung der LehrerInnenausbildung.

Neben einer Tendenz zur stärkeren Gleichwertigkeit der Lehrämter für die verschiedenen Schulformen und zur stärkeren Einbettung von pädagogischer Praxis und deren wissenschaftlicher Reflexion stehen quantitativ-technokratische Definitionen, die zu einer Verengung pädagogischer Fragestellungen führen könnten. Die permanente Umwälzung der Anforderungen an pädagogische Arbeit und an die Schulen resultiert zurzeit auch darin, diese in so genannte Selbstständigkeit zu entlassen, d. h. einerseits in eine prekäre Zukunft als Bildungsmarktobjekte, andererseits aber auch in experimentelle Freiheit.

Das »school is open« BildungsRaumProjekt zielt mit seinem – tendenziell durch einen wissenschaftlichen Beirat begleiteten – Schulgründungsvorhaben auf die Auseinandersetzung mit emanzipatorischen und inklusiven Bildungsmodellen jenseits der normativen Staatsschule oder von elitären Privatschulen. Dabei dürfen Modelle »freier« Schulen nicht gleichgültig gegenüber Verwertungszusammenhängen sein, sonst droht ihnen eine Zukunft als idealistisches Wolkenkuckucksheim, statt eine erstrebte der aufgeklärten Hoffnung auf ein besseres Lernen und Leben für alle.